Im Folgenden wollen wir anhand von Beispielen aus dem Elektroniker-Handwerk erläutern, wie SOPs verfasst werden können und wie mit ihnen gearbeitet werden kann. Die Beispiele dienen dabei der Anschaulichkeit und dem besseren Verständnis. Selbstverständlich kann der Leitfaden auch auf andere Gewerke angewendet werden.
Vorab ist noch wichtig festzustellen, dass keine SOP der anderen gleicht, sondern sie immer individuell zu erstellen sind. Ironischerweise gibt es kein allgemeines Standardverfahren für die Erstellung von SOPs. Eine Standard Operation Procedure sollte in aller Regel folgende Punkte enthalten:
- Ziel und Zweck des Prozesses: Was soll erreicht werden und warum?
- Anwendung: Auf welchen Arbeitsbereich wird die SOP angewendet?
- Beschreibung des Ablaufs: Wie wird die Tätigkeit ausgeführt?
- Zuständigkeit: Wer ist zuständig und kann/darf die Tätigkeit ausführen?
- Dokumentation: Was, wo, wie, durch wen, mit welchem Ergebnis?
Schritt 1: Vom Ziel aus denken
SOPs sollen nicht nur einen Arbeitsprozess beschreiben, sondern diesen möglichst gesamtheitlich erfassen und beschreiben. Daher ist es wichtig auch den Sinn dahinter in der SOP zu erläutern. Soll es im Dokument beispielsweise um das Verfahren zur Verkabelung eines Wohngebäude-Rohbaus gehen, sollte zuerst beschrieben werden, dass nur eine korrekte Vorgehensweise die Sicherheit der Kolleg*innen auf dem Bau, die spätere Zuverlässigkeit und Funktionsweise, die rechtliche Absicherung sowie die spätere Wartungsfreundlichkeit gewährleisten kann.
Frage Nummer eins bei einer SOP sollte also immer lauten: Was beabsichtigt das Verfahren? Den Sinn und Zweck hinter einem Verfahren zu erläutern hilft Mitarbeitenden außerdem dabei, sich besser mit ihrer Arbeit identifizieren zu können. Wie Studien zeigen, legen besonders jüngere Menschen aus der Generation Z großen Wert auf eine sinnhafte Tätigkeit. Die Sinnhaftigkeit anhand der SOP herauszustellen, kann also auch motivieren.
Schritt 2: Umfang und Format bestimmen
Eine SOP kann in verschiedenen Formaten aufgesetzt werden: als Textdokument, Checkliste, Anleitung in Stichpunkten, Flussdiagramm oder (häufig die beste Wahl) eine Mischung aus mehreren Formaten. Ein Flussdiagramm eignet sich beispielsweise besonders, wenn ein Arbeitsschritt von bestimmten Gegebenheiten abhängig ist und entsprechend leicht unterschiedlich ausgeführt werden kann.
Bezieht sich ein Schritt in der SOP zum Beispiel auf die Steckdoseninstallation im Bestand und die Leiterfarben weichen bei einem alten Kabel vom heutigen Standard (braun, glaub, grün-gelb) ab, müssen die Leiter mit einem zweipoligen Spannungsprüfer eindeutig bestimmt werden, bevor eine Klemme angebracht werden kann. Diese Variable könnte eine SOP im Diagrammformat abbilden.
Um Ressourcen zu sparen und SOPs leichter vervielfältigen zu können, solltest du sie für deine Mitarbeitenden digital verfügbar machen. Gerade bei umfangreichen SOPs ist ein unveränderbares Format entscheidend, damit Reihenfolgen eingehalten werden können. Achte also darauf, die SOP etwa über ein digitales PDF, das zum Beispiel in eurer Handwerkersoftware hinterlegt wird, deinen Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen. Einzelne Elemente der SOP, wie Checklisten, kannst du auch noch einmal separat digital zur Verfügung stellen.
Schritt 3: Früh genug Feedback einholen
Steht das Konzept und das Format der SOP, sollte bereits ein erstes Feedback von Mitarbeitenden eingeholt werden. Immerhin sind sie es auch, die später damit arbeiten sollen. Eine SOP muss keine „von oben“ angeordnete Maßnahme sein, sondern kann und sollte sogar nach dem „Vier-Augen-“ oder besser noch dem „Sechs-Augen-Prinzip“ erstellt werden. Frag deine Kolleg*innen also früh genug, was ihrer Meinung nach auf jeden Fall in die SOP gehört und lass sie am Entstehungsprozess teilhaben.
Schritt 4: SOP verfassen
Nachdem du dir Gedanken über das Ziel der SOP, dein Publikum, Format und Umfang der SOP gemacht hast, ist es an der Zeit, sie tatsächlich zu schreiben. Der genaue Aufbau hängt dabei natürlich vom Umfang und Format ab. SOPs zu aufwändigen Verfahren, wie beispielsweise die Messung und Prüfung eines neu errichteten Endstromkreises nach DIN VDE 0100-600 kannst du dir ähnlich wie eine kurze wissenschaftliche Arbeit vorstellen.
Gib dem SOP einen aussagekräftigen Titel, ein Gültigkeitsdatum und schreibe auf die erste Seite, für wen sie gültig ist. Dann folgt ein Inhaltsverzeichnis und schließlich der Hauptteil. Dieser sollte sowohl eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, Details zu möglichen Hindernissen und Sicherheitshinweise, als auch Material- und Werkzeuglisten, Definitionen für Begriffe und Abkürzungen und Kontaktmöglichkeiten für Ansprechpartner enthalten. In dem konkreten Beispiel könntest du außerdem Dokumente anhängen, die die entsprechende DIN-Norm betreffen.
Schritt 5: Testen und verbessern
Bevor du die SOP in deinem Betrieb verpflichtend einführst, solltest du dir Zeit nehmen, sie von deinen Fachkräften durchsehen und testen zu lassen, Verbesserungsvorschläge einholen und diese einarbeiten. Nur so kann langfristig ein reibungsloser Ablauf garantiert werden und die Vorteile einer SOP kommen wirklich zum Tragen.
Auch Änderungen von außen, wie etwa durch neue Normen und Gesetze oder neue Materialien, können Einfluss auf eine SOP nehmen. Dementsprechend ist es auch wichtig, der SOP erst einmal ein „Haltbarkeitsdatum“ zu geben, sie zu gegebener Zeit zu überprüfen und bei Bedarf anzupassen. SOPs können oft über Jahre hinweg genutzt werden, sollten jedoch stets modernen Standards entsprechen.