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FLIESENLEGERHANDWERK IM WANDEL

Vom Plattenleger zum Allrounder: Wie sich das Fliesenhandwerk verändert hat

Lukas Beckmann  | 06.03.2026  |  Lesezeit: Minuten

Ein Fliesenleger legt Fliesen, mehr nicht. Was früher eine recht präzise Berufsbeschreibung war, hat sich mittlerweile stark verändert. Fliesenleger müssen heute diverse Aufgaben erfüllen, hohen Kundenansprüchen genügen und nebenbei noch die üblichen Herausforderungen der Branche bewältigen. Wir haben mit Fliesenlegermeister Benjamin Schilling über den Wandel des Handwerks, Digitalisierung und die Zukunft des Fliesengewerbes gesprochen.

XXL-Fliesen, Digitalisierung und Nachwuchsmangel: Das Fliesenlegerhandwerk steht vor vielen Herausforderungen. Doch es gibt nicht nur Schattenseiten. (Symbolbild)

Fliesenleger gestern und heute

Das Fliesenlegerhandwerk hat sich in den letzten Jahrzehnten mehrfach gewandelt. Der im Jahr 2004 abgeschaffte Meisterzwang wurde 2019 nach 15 Jahren wieder eingeführt, die Kundenvorstellungen haben sich durch Social Media-Plattformen wie Instagram oder Pinterest sehr verändert und großformatige XXL-Fliesen erfordern ein ganz neues Arbeiten.

Gleichzeitig ist der Absatz von Fliesen in Deutschland binnen weniger Jahre dramatisch gefallen, von 135 Millionen Quadratmetern im Jahr 2021 auf gerade mal 89 Millionen Quadratmeter in 2024 – Gründe dafür sind ein gesunkenes Produktionsvolumen, durch hohe Energiekosten, eine niedrige Baukonjunktur und ein größeres Angebot an Konkurrenzprodukten wie etwa Aluverbundplatten. Daneben sieht sich auch das Fliesenlegerhandwerk mit den aktuellen Hürden der ganzen Branche, wie Fachkräftemangel und Nachwuchsproblemen, konfrontiert.

Die HERO Redaktion hat mit Benjamin Schilling von Fliesen König über den aktuellen Stand, jüngste und ältere Veränderungen und die Zukunft des Fliesengewerbes gesprochen. Benjamin ist Fliesen-, Platten- und Mosaikleger-Meister, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger sowie Geschäftsführer des Handwerksbetriebs und Fliesenhandels Fliesen König in Solingen.

Für mich ist es das Wichtigste, meinen Beruf mit Leidenschaft auszuüben.

Benjamin Schilling

Fliesenlegermeister

Die Rückkehr der Meisterpflicht

15 Jahre lang war die Meisterpflicht für Fliesenleger ausgesetzt. Genau wie 52 andere Gewerke brauchten Fliesenleger ab 2004 keinen Meistertitel mehr, um ihren eigenen Betrieb zu gründen. Die Folgen: Eine Versechsfachung der Betriebsgründungen von etwa 12.000 auf über 70.000 Fliesenlegerbetriebe und eine Häufung von Mängeln bei Fliesenlegearbeiten.1 Vor allem Ein-Mann-Betriebe schossen aus dem Boden – viele davon hatten nicht einmal eine abgeschlossene Ausbildung.

Benjamin Schilling: „Ich habe 1998 mit meiner Ausbildung zum Fliesenleger angefangen und hätte im Anschluss gerne meinen Meister gemacht. Damit hätte ich allerdings erst 2006 anfangen können und damals gab es schon keine Meisterkurse mehr.“ Auch Benjamin beginnt zunächst als One-Man-Show, übernimmt bald aber seinen alten Ausbildungsbetrieb Fliesen König. „Mein 20 Jahre älterer Geschäftspartner hatte seinen Meister und dadurch hat sich lange überhaupt niemand dafür interessiert, ob ich einen habe“, sagt Benjamin.

Die Meisterschule holt er über zehn Jahre später nach: Seit 2022 ist Benjamin Fliesen-, Platten- und Mosaikleger-Meister. „Ich hab mir gesagt: Eigentlich willst du doch den Meister haben, allein schon fürs Ego,“ erzählt der Fliesenleger-Profi.

Meisterpflicht konkret: Was bedeutet sie?

In Artikel 1 Absatz eins der Handwerksordnung (HwO) heißt es wörtlich: „Der selbständige Betrieb eines zulassungspflichtigen Handwerks als stehendes Gewerbe ist nur den in der Handwerksrolle eingetragenen natürlichen und juristischen Personen und Personengesellschaften gestattet.“ In Artikel 7 heißt es weiter: „In die Handwerksrolle wird eingetragen, wer in dem von ihm zu betreibenden oder in einem mit diesem verwandten zulassungspflichtigen Handwerk die Meisterprüfung bestanden hat.“2

Wer also in Deutschland einen Betrieb gründen oder als Geschäftsführer übernehmen möchte, der in einem der 53 zulassungspflichtigen Handwerksberufe tätig ist, braucht einen Meistertitel. Es gibt allerdings Ausnahmeregelungen, etwa eine vergleichbare Hochschulausbildung oder die sechsjährige Tätigkeit im Beruf mit abgeschlossener Ausbildung (ausgenommen davon sind Schornsteinfeger, Augenoptiker und Zahntechniker). Auch gilt die Meisterpflicht nicht rückwirkend: Wer zwischen 2004 und 2020 einen Betrieb ohne Meister gegründet hat, darf diesen weiterhin führen.

Vom Fliesenleger zum Allrounder – neue Anforderungen im Berufsalltag

Die Zeiten, in denen Fliesenleger sich ausschließlich mit Fliesen beschäftigt haben, sind lange vorbei, wie Benjamin Schilling bestätigt. Das gilt sowohl für das Fachliche als auch für den Anspruch der Kunden an den Service. „Vor 20 Jahren hatte der Fliesenleger noch einen kleinen Sonderstatus. Wir haben direkt im Mörtelbett verlegt, das konnten nur Fliesenleger. Heute wird viel mehr mit Dünnbettverfahren oder Klebeverfahren gearbeitet, damit hat sich das Gewerk viel weiter geöffnet, und salopp gesagt hat sich jeder Fliesenleger genannt.“

Doch mit der reinen Technik ist es heute nicht getan: Fliesenleger sollten heutzutage auch das Verputzen beherrschen und sich im Trockenbau auskennen, was einen deutlichen höheren Anspruch an die fachliche Kenntnis stelle und regelmäßige Schulungen voraussetze. Darüber hinaus sei das ganze Gewerbe in Bezug auf Technik und Materialien deutlich schnelllebiger geworden. „Wenn man da nicht mitmacht, ist man schnell raus,“ sagt Benjamin.

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Bild: Hero in der App oder vom Büro aus

XXL-Fliesen – Trend mit Herausforderungen

Ein Beispiel für einen Trend, der die Branche beschäftigt, sind moderne Großformat-Fliesen mit teilweise über drei Metern Länge. Solche Modelle ermöglichen eine nahezu fugenlose Optik und sind entsprechend weniger pflegeintensiv. Für den Fliesenlegerbetrieb stellen diese Formate jedoch ganz andere Anforderungen an Lagerhaltung, Transport und Bearbeitung.

Als die ersten Großformate vor etwa 15 Jahren auf den Markt kamen, waren sie noch sehr schadensanfällig, berichtet Benjamin. Mittlerweile sei der Umgang damit ein wenig verzeihender, solange man sein Handwerk versteht. „Man muss genau wissen, was man tut, wenn man mit XXL-Fliesen dauerhaft schadensfrei arbeiten möchte. Als Betrieb wird man dabei zu einer kleinen Manufaktur“, sagt der Fliesenlegermeister.

Fliesen im Großformat ermöglichen eine nahezu fugenlose Optik, stellen Fliesenlegerbetriebe allerdings auch vor neue Herausforderungen.

Was Fliesenleger bei Großformaten beachten müssen

Der Untergrund muss tragfähig, rissfrei, trocken, sauber und absolut eben sein. Bereits kleinste Unebenheiten führen bei Großformaten zu sogenannten Überzähnen – also sichtbaren Höhendifferenzen zwischen benachbarten Fliesen – die bei kleineren Formaten weniger auffallen würden. Pflicht ist das sogenannte Buttering-Floating-Verfahren: Dabei wird der Dünnbettmörtel sowohl auf den Untergrund als auch auf die Rückseite der Fliese aufgetragen, um eine möglichst hohlraumfreie Klebstoffschicht zu erzielen.

Kellen mit großer Zahnung, wie etwa Knickzahnkellen, sorgen dabei für eine vollflächige Haftung bis in die Ecken und Ränder. Zusätzlich empfiehlt sich der Einsatz eines Nivelliersystems, um eine exakt ebene Oberfläche zu garantieren. Für Fliesenlegerbetriebe bedeutet das: Ohne spezielles Werkzeug wie Saugplatten, XXL-Schneidemaschinen und Nivelliersysteme ist der Umgang mit Großformaten aufwändig und kompliziert. Der Zeitaufwand steigt, die Fehlertoleranz sinkt, und die Kalkulation muss den Mehraufwand abbilden.

Veränderte Kundenansprüche durch Social Media & Internet

Dass Kunden höhere Ansprüche an den Service eines Handwerksbetriebs haben, erleben wahrscheinlich nicht nur Fliesenleger. Wie Benjamin Schilling weiß, geht das bereits bei der Angebotserstellung los:

„Vor 20 Jahren sah unser Geschäft in etwa so aus: Ein Kunde hat im Betrieb angerufen und im besten Fall war jemand im Büro und hat den Anruf entgegengenommen. Im ungünstigen Fall waren wir auf der Baustelle und die Anfrage ist auf dem Anrufbeantworter gelandet. Wir haben dann nachmittags zurückgerufen – wenn wir Lust hatten – vielleicht auch erst am nächsten Morgen. Dann haben wir mit dem Kunden einen Termin vereinbart, sind zu ihm hingefahren und haben zwei Wochen später das Angebot per Post verschickt, das dann auf demselben Weg wieder zurückkam. Insgesamt dauerte der Ablauf also rund vier Wochen und jeder Kunde hat das akzeptiert.“

Heute seien Kunden durch das Internet eine viel schnellere Reaktionszeit gewöhnt. Sofortige Auftragsbestätigungen, Terminbenachrichtigungen, Zahlung per Klick – alles Dinge, die sich viele Kunden auch vom Handwerker wünschen.

Digitalisierung im Fliesenlegerbetrieb – mit Software effizienter arbeiten

Bei Fliesen König lautet die Antwort auf diese Herausforderungen: Digitalisierung. Die beginnt bereits in der Ausstellung des angeschlossenen Fliesenfachhandels des Betriebs. „Früher hatten wir eine große Ausstellung bei uns. Heute sind wir auf 50 Quadratmeter runter, arbeiten viel mit Handmustern und digitaler Unterstützung. Das schafft mehr Platz für Lagerkapazitäten und Werkstatt“, sagt Benjamin.

Aber auch die Angebotserstellung läuft bei Fliesen König komplett digital. Der Betrieb nutzt dafür die Handwerkersoftware von HERO. „Wenn ich zu meinen Kunden sage: ‚Das Angebot kriegen Sie noch heute‘, dann schicke ich es auch noch am selben Tag raus.“ Damit das so schnell klappt, trägt Benjamin bei Kundenterminen bereits alle wichtigen Daten für das Angebot ein, nimmt Aufmaß und speichert alles projektbezogen in der Handwerkersoftware. Im Büro muss er dann nur noch alles zusammentragen und kann das Angebot direkt aus der Software an den Kunden schicken. „Am nächsten Montag ist dann meist der Auftrag da. Wenn man das auf dem ‚alten Weg‘ macht, dauert das einfach länger.“

Auf lange Sicht will Benjamin in seinem Betrieb möglichst alle Verwaltungsaufgaben digital abbilden können: „Meine Jungs machen das auch Gott sei Dank mit. Heute haben wir neben HERO noch das digitale Aufmaß und werden perspektivisch eine Maschine bekommen, die automatische Zuschnitte machen kann.“ In der Digitalisierung sieht er nach wie vor einen Wettbewerbsvorteil. „Viele Kollegen lassen die Kunden eher mal auf ein Angebot warten. Aber die wollen meiner Erfahrung nach möglichst schnell eine Rückmeldung. Das ist allerdings noch nicht bei allen angekommen.“

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Nachwuchssorgen und Fachkräftemangel – auch bei Fliesenlegern?

Was den Nachwuchs für seinen Betrieb und das Fliesenlegerhandwerk allgemein angeht, hat Benjamin eher gemischte Gefühle, sowohl in Bezug auf Quantität als auch was die Arbeitseinstellung angeht. In der Meisterschule, an der Benjamin mittlerweile als Dozent tätig ist, sprechen sie regelmäßig über das Thema Arbeitsmoral. „Das ist nicht ausschließlich negativ behaftet, aber auch da verändert sich einiges. Wir erleben, dass die jüngere Generation hauptsächlich am Geld interessiert ist. Das kann man ihnen auch nicht verübeln. Vor 30 Jahren konnte sich ein fleißiger Mittelständler noch ein schönes Reihenhaus kaufen. Das ist ja heute schon in unerreichbare Sphären gerückt.“

Die hohen Löhne und Erwartungen machen es für Fliesen König schwer, gutes Personal zu finden, das gleichzeitig auch motiviert ist. Alles verloren sei jedoch noch nicht. „Unseren jüngsten Mitarbeiter haben wir mit seinen 28 Jahren noch so hinbekommen, dass ihm auch die Arbeit und das fertige Ergebnis Spaß machen“, berichtet Benjamin. Außerdem gehe die Entwicklung insgesamt wieder hin zu einem positiveren Bild des Handwerks. „Wenn ich früher auf einer Party erzählt habe, ich bin Plattenleger, war gleich das Bild vom dreckigen Malocher in den Köpfen. Aktuell wird eher darauf hingearbeitet, dass das Handwerk wieder ein höheres Ansehen kriegt.“

Fazit: Hat das Fliesenlegerhandwerk Zukunft?

Aller Widrigkeiten zum Trotz hat das Fliesenlegerhandwerk noch immer Zukunft. Die Wiedereinführung der Meisterpflicht wird langfristig zu einer Qualitätssteigerung bei Fliesenarbeiten führen, Personalengpässen kann zumindest ein Stück weit mit digitalen Tools entgegengewirkt werden und regelmäßige Schulungen helfen dabei, bei Trends im Handwerk mitzuhalten.

Wer heute überlege, Fliesenleger zu werden, sollte sich dennoch auf keine leichte Zeit einstellen, sagt Benjamin, es sei sehr viel im Umbruch. Im Grunde sei die wichtigste Voraussetzung für ein erfolgreiches Berufsleben aber immer noch: Spaß bei der Arbeit. „Ich sage meinen Kindern auch immer: Geld ist wichtig, es ist aber nicht alles. Es ist viel wichtiger, dass man morgens aufsteht und seinen Beruf mit Leidenschaft macht, ob man nun Kassiererin oder Raketenwissenschaftler ist. Ich muss mich jeden Tag daran erfreuen können, wie schön ich das Badezimmer hinbekommen habe. Das ist für mich das Wichtigste.“

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