Es ist ein Dienstagmorgen Anfang Mai, als im Postfach der Firma First & Feder*, eines mittelständischen deutschen Dachdeckerbetriebs, eine E-Mail aufploppt: der Hauptlieferant kündigt zum zweiten Mal innerhalb von vier Wochen eine Preiserhöhung für Bitumenbahnen an – um weitere 25 Prozent. Gleichzeitig weist die Mail darauf hin, dass bestimmte Produkte vorübergehend nicht lieferbar sind.
Aktuell hat First & Feder drei laufende Angebote draußen, die noch nicht nachkalkuliert wurden. Wie viel Puffer steckt noch drin? Welches der drei Projekte wäre bei den neuen Preisen noch profitabel? – Einen Betrieb mit diesem Namen gibt es nicht. Diese oder zumindest eine ähnliche Szene hingegen wird es im Frühjahr 2026 in einigen deutschen Dachdeckerbetrieben gegeben haben. Wie Betriebe mit dieser Situation umgehen, hängt vor allem davon ab, wie sie digital aufgestellt und auf solche Engpässe vorbereitet sind.
*Name von der Redaktion erfunden
Dachdecker unter Druck und doch gefragt
Das Dachdeckerhandwerk ist strukturell in einer starken Position. Der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) verzeichnete für 2025 einen Gesamtumsatz von 13,5 Milliarden Euro, die Auftragsbücher sind voll und die Betriebszahl hält sich stabil bei rund 15.200 eingetragenen Unternehmen. Gleichzeitig sank die Zahl der gewerblichen Fachkräfte: Zum 31. Dezember 2025 waren es noch 61.723 Beschäftigte – ein Rückgang von einem Prozent gegenüber dem Vorjahr, der sich 2026 weiter fortsetzen wird. Erfahrene Dachdecker der Boomer-Generation gehen in Rente, der Nachwuchs kommt – trotz gestiegener Azubizahlen – nur zeitverzögert nach.
Dazu kommt ein externer Schock, der die Branche seit März 2026 besonders hart trifft: Der anhaltende Krieg im Iran hat die globalen Energiemärkte destabilisiert. Terminkontrakte für Erdgas stiegen zwischenzeitlich um bis zu 35 Prozent, der Rohölpreis kletterte auf über 120 Dollar pro Barrel. Die unmittelbare Konsequenz für das Dachdeckerhandwerk: Bitumen, ein direktes Raffinerieprodukt, verteuerte sich im März um 36,4 Prozent und legte im April nochmals um 25,4 Prozent zu.
Einzelne Hersteller verhängten Bestellstopps. Betriebe berichten von Preissteigerungen bei Bitumenprodukten und Dämmstoffen von bis zu 40 Prozent innerhalb eines Monats, begleitet von fehlenden Preis- und Liefergarantien. Zum Vergleich: Schon vor diesem aktuellen Schock lag der Bitumenpreis rund 45 Prozent über dem Niveau von 2021. Die aktuellen Preissteigerungen treffen somit nicht auf ein neutrales Ausgangsniveau, sondern auf eine bereits erheblich belastete Kostenbasis. Das Paradoxon der Stunde lautet also: Das Dachdeckerhandwerk boomt – und steckt zugleich mitten in einer Belastungsprobe.
Volle Auftragsbücher allein lösen noch keine Krise
Die Verlockung ist groß, auf diese Situation mit dem Verweis auf die eigene Auslastung zu reagieren. Volle Auftragsbücher, stabile Umsätze, ein moderater Wettbewerb durch stabile Betriebszahlen: das klingt nach einem komfortablen Polster. Doch viele Aufträge bedeuten nicht automatisch eine krisenfeste Branche. Um auch unter veränderten Bedingungen handlungsfähig zu bleiben, müssen Dachdeckerbetriebe vorausschauend planen und im Zweifel auch unter hohem Druck schnelle Entscheidungen treffen.
Wenn Materialpreise innerhalb von Wochen um 40 Prozent steigen, entscheidet sich nicht, ob ein Betrieb gut ausgelastet ist – sondern ob er in kurzer Zeit weiß, welche laufenden Angebote unter den neuen Bedingungen noch funktionieren, welche Projekte nachverhandelt werden müssen und wo Spielraum steckt. Diese Fragen lassen sich aus dem Gedächtnis oder mit “passiven” Excel-Listen nicht zuverlässig beantworten.